|
Braunschweiger Zeitung, 02.05.2002
Wiebke Dzierza
Wenn nachts der Mondschein klingt Romantischer Briefwechsel mit "Lingua Cantat"
Peine. Die Aufklärung forderte ihren Tribut: Abzugrenzen hatte sich der Mensch gegen innere und äußere Natur Rationalismus, Domina des Denkens. Träumen war verpönt, erst recht Schwärmerei. Und Frauen, die schrieben? Undenkbar. Romantisch also musste man werden, die Ratio durch Subjektivität und Empfindsamkeit erweitern: Es lebe das lyrische Ich!
Und so schrieben und schwärmten sie, Katarina Panzner als Bettine von Arnim und Claudia Maria Franck in der Rolle Karolines von Günderrodes, dass es höchste Sinnenfreude war. Auf Einladung des Kreismuseums sowie der Buchhandlung Rother feierten sie die Hochzeit des Romantik, und gibt es ein wahrhaftigeres Zeugnis der Seelenbefindlichkeit als den Briefwechsel?
Bei Feder, Tinte und Kerzenlicht lesen und schreiben sie sich versunken in die Korrespondenz der jungen Dichterinnen sensibles Memoriam einer Frauenfreundschaft. Sehr überzeugend, in begeisterter Stimmlage, gibt Panzner die selbstbewusste, gleichzeitig mit kindlicher Unbekümmertheit glücklich gesegnete Bettine, die ihr "Liebstes Günderrödchen" aus seelischen Tiefen befreien will. Die ihrerseits diagnostiziert mittels erlesener Artikulation und Verzweiflung auf höchstem Niveau ein Leben, das erfüllt ist "von Sehnsucht, die ihr Begehren nicht kennt". Die Naturfreude der Briefgespielin vermag sie kaum zu eigener Freude zu teilen, Labe findet sie auch in der Klangkunst nicht; "dabei", schwärmt die Bettine, "bringt Musik alles in Einklang".
Ein Briefwechsel von sinnlichstem Geistreichtum, dabei Offenbarung zweier Gefühlsextreme; so auch die Musik: Am Piano weiß Anita Keller das Gemüthafte, die durchaus auch zu seelischer Qual neigende Innerlichkeit der Romantik mit Leben zu füllen: Fanny Hensels "Im Herbst" rauscht melancholisch, dunkle Akkorde lässt die Pianistin wie vollfarbiges Laub auf die Tasten fallen. Clara Schumanns "Romanze" vibriert in empfindsamen Trillern, piano fortissimo; Seelenbewegungen zwischen Bass und Diskant tosend.
Sternenklar leuchtet der Tasten Ton, wiegenselige Zuversicht legt sich über die Komposition "Mondschein" von Bettine von Arnim. Und Bettine liebt den Mondschein, derweil er für Karoline nur Nacht bedeutet, "die das Verlangen stillt wie Lethes Fluten ". Unerfüllte Sehnsucht, Todeswunsch faustisches Fühlen. Bewegt erlebt das konzentrierte Publikum, dass auch die glücksfähige Bettine das düstere Ansinnen ihrer Freundin nicht mehr hell zu gestalten vermag: Karoline entgrenzt sich durch den Tod. Bettine allein, bemüht um Trost. Viel Beifall, der das hohe Darstellungsniveau der Künstlerinnen ebenso lobte, wie die andächtige Feier der Schönheit des Wortes.
Zurück
|